02. April 2007 • Badische Zeitung

Konzert von mitreißender Dynamik
Stadtmusik Endingen begeistert vor 700 Zuhörern mit modernen Kompositionen / Gastspiel für Komponist Otto M. Schwarz



ENDINGEN. (Patrick Müller). Bei der Stadtmusik entwickelt man langsam aber sicher eine Vorliebe für reißerische Themen. Schon das letzte Jahreskonzert stand unter dem Motto „Der Brand von Bern“, nun blies man zum „Dragon Fight“, dem Kampf mit dem Drachen. Mittelpunkt des dreistündigen Programmes: die gleichnamige Komposition von Otto M. Schwarz. Der Österreicher stand dabei selbst als Dirigent auf der Bühne – und erntete mit seiner musikalischen Vision vom Kampf mit dem Drachen begeisterten Beifall..

Ein Stück von apokalyptischer Wucht und mitreißender Dramatik. Ein Stück, zu dem man auch Henry Maske gegen Virgil Hill in den Ring hätte schicken können. Hier wurde geklotzt, nicht gekleckert, passend zum Thema: Ein Riese und ein Drachen schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein. Der Filmmusik-Komponist Schwarz hat sich hier einer alpenländischen Sage bedient und diese in moderne, anspruchsvolle Blasmusik-Literatur verwandelt – durchaus mit einem gewissen Hang zur Effekthascherei, aber dafür umso beeindruckender.

Es war ohnehin ein sehr filmisches Programm, das die Endinger Stadtmusik ihren 700 Zuhörern in der voll besetzten Stadthalle präsentierte. Bernd Appermonts spielerisch höchst anspruchsvolles Werk „Egmont“ zum Beispiel. Hier wird in fünfzehn Minuten ein Drama erzählt, ein Wechselbad der Gefühle auf die Bühne gebracht – von einer Hochzeit (fröhlich, ausgelassen, Klarinetten) bis hin zum Gang aufs Schafott (düster, schicksalsschwanger, Hörner). Oder Samuel R. Hazos „Ride“, ein Werk, das eine Bleifuß-Fahrt durch Pennsylvania thematisiert und aufs Gas drückt: „Ein Glück, dass die Stadthalle nicht in der Innenstadt ist“, kommentier te am Ende Ansager Siegfried Thoma trocken, „sonst wäre das Stück mehrfach geblitzt worden“.

Die Musiker unter Stadtmusikdirektor Mar tin Baumgartner konnten aber auch mal einen Gang zurückschalten. Dramaturgisch war es beispielsweise eine sehr gute Entscheidung, Franco Cesarinis „Tom Sawyer Suite“ direkt im Anschluss an „Dragon Fight“ zu präsentieren: Das Stück beginnt fröhlich und ausgelassen – und bildete deshalb einen optimalen Kontrast zur Drachenschlacht.

Das letzte Stück auf der Programmliste gebührte wieder Otto M. Schwarz, der bei „Groovin' Around“ zeigten konnte, dass er auch ganz andere Saiten aufziehen kann – hier war Mitwippen angesagt, nicht mitreißen. Als Solisten ernteten Andreas Hügel, Stefan Wäldin und Thomas Wagner an Altsaxofon, Klarinette und Posaune Beifall.

Auch die Endinger Jugendkapelle hatte zu Beginn des Programmes ein Werk von ihm präsentier t: „Starflash“, geschrieben nach der Sichtung mehrerer Sternschnuppen, hörbar inspiriert von John Williams und seiner Filmmusik zum „Krieg der Sterne“. Eröffnet hatten die Nachwuchsmusiker das Programm mit Bert Appermonts „Gullivers Reisen“, ein sehr lautmalerisches Werk, das die Zuschauer nach und nach in die Welt von Jonathan Swifts Roman führt.

Bemerkenswert: Franco Cesarini war der älteste Komponist des Abends – er wurde 1961 geboren und ist damit sechs Jahre älter als Otto M. Schwarz, der 1967 das Licht der Welt erblickte und damit wiederum sechs Jahre älter ist als Bert Appermont. Und: Alle Stücke auf dem Programm wurden nach der Jahr tausendwende geschrieben. „Große, große Euphorie“, kommentierte Otto M. Schwarz, der Stargast des Abends, nachdem die dritte Zugabe gespielt, der Beifall abgeklungen und das Hallenlicht wieder angegangen war. Sein Fazit: „Man kann die Leute mit moderner Musik genauso vom Sessel hauen wie mit traditioneller – das ist ein sehr guter Trend.“